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Alliierte Schulen Graz
Valentina Berto
 

Interview von Valentina Berto

Name: Anna Steyer geborene Kowatsch Alter: 69 Geburtsdatum: 08/08/1935 Geburtsort: Schirmdorf (ehemalige Untersteiermark, heutiges Slowenien) Wohnort: Graz seit 1954

Cäcilia ist die Mutter und geborene Ornig. Sie wurde mit ihren Töchtern Anna, Erna und Maria von den Partisanen ins Lager nach Sterntal gebracht. Alois ist der Vater und auch er kam im Mai 1945 ins Lager. Alois, der Erstgeborene, wurde nach seinem Vater benannt. Er war Soldat im 2. Weltkrieg und musste in Norwegen kämpfen. Er kehrte 1945 aus der schwedischen Gefangenschaft zurück. Maria war im Lager mit ihren Schwestern und ihrer Mutter. Zu diesem Zeitpunkt war Maria zwanzig Jahre alt. Johann wurde ebenfalls in den Krieg geschickt und ist 1944 in Luxemburg gefallen. Er starb eine Woche vor seinem 18. Geburtstag. Johann ist am deutschen Soldatenfriedhof in Sandweiler begraben. Berta hatte Glück und blieb die ganze Zeit vom Lager verschont. Sie lebte bei der Tante. Erna, die Jüngste, kam mit fünf Jahren samt Anna, Maria, ihrer Mutter und ihrem Vater ins Lager. Anna, meine Oma, hat mir einiges über ihr Leben und ihre Erfahrungen erzählt. Meine erste Frage lautete: Wie hast du das Kriegsende erlebt? „Ich war erst 10 Jahre al,t als mich im Mai 1945 die jugoslawischen Soldaten ins Lager nach Sterntal brachten. Meine Eltern und zwei Schwestern mussten auch mit nach Sterntal. Dort angekommen wurden wir aufgeteilt. Mein Vater kam in ein Lager nebenan, wo alle Männer untergebracht wurden. Meine Mutter, Maria, Erna und ich wurden vorerst in die Nähe meines Vaters verschleppt. Jedoch hatten wir nie Gelegenheit mit unserem Vater zu sprechen, denn an der Abgrenzung standen immer bewaffnete Partisanen, die Wache hielten. Kurze Zeit später wurden meine Schwester und ich von unserer Mutter und älteren Schwester getrennt und man steckte uns in einen Lastwagen. Wir begannen zu verzweifeln, da wir nicht wussten, wohin man uns führte. Die gesundheitlichen Zustände meiner erst fünf Jahre alten Schwester und mir waren miserabel. Die Mahlzeiten fanden in einem „ Speisesaal“ statt. Täglich mussten wir im Gänsemarsch dorthin marschieren. Man wurde schlecht ernährt. Eines Tages gab es Bohnensuppe, aber in diesem riesigen Suppentopf ist ein Pferdekopf geschwommen. Viele Leute haben die Rinde der Bäume gegessen, da sie beinahe verhungerten. Plötzlich verschwand meine Schwester. Man hatte sie heimlich abgeholt und ich wusste davon nicht Bescheid. Auch meiner Gesundheit ging es schlecht und ich fühlte mich von Tag zu Tag schwächer. Da wurde ich in ein neues Lager gebracht. Ich fühlte mich, mit meinen zehn Jahren, so wehrlos und der schrecklichen Situation ausgeliefert. An diesem Ort wurden die hoffnungslosen Fälle untergebracht. Mein gesamter Körper war von Läusen übersät und dadurch verlor ich meine Haare. Eine Frau, die Mitleid mit mir hatte, wusch mich dort. Da ich nicht mehr gehen konnte, trug mich diese Frau. Sie brachte mich in einen Raum, wo auch andere Kinder lagen. Ich hoffte dort meine Schwester anzutreffen, doch ich konnte sie nicht sehen. Auf einmal hörte ich eine leise Stimme, die nach mir rief: „Anna!“ Ich drehte mich um und erblickte meine Schwester. Wir waren glücklich uns gefunden zu haben. Nur wenige Stunden durfte ich neben ihr liegen, dann wurde sie fortgetragen. Bald darauf löste man die Lager auf und meine Eltern waren wieder freie Menschen. Sie durften mit einem Transporter nach Österreich fahren, da sie Verwandte in Mureck hatten. Jedoch erklärte man meine Schwester und mich für unauffindbar. Unsere Eltern konnten sich nicht damit abfinden und reisten nicht nach Österreich, in der Hoffnung uns wieder lebendig zu sehen. Es lohnte sich für sie, denn nach kurzer Zeit waren wir endlich frei und in den Armen meiner Eltern kehrten wir im Spätherbst 1945 ins Heimathaus zurück, wo uns mein Opa und meine Schwester Berta freudig erwarteten. Die schreckliche Zeit im Lager überlebten alle Mitglieder unserer Familie. Von Freiheit war lange nicht die Rede, denn die Geheimpolizei der Partisanen machte oft „Hausbesuche“ und kontrollierte uns unentwegt. Ich durfte wieder in die Schule gehen und kam in die vierte Klasse Volksschule. Dort wurde mir untersagt Deutsch zu reden, obwohl es meine Muttersprache war. Ich musste Slowenisch und Russisch lernen und reden. Es beanspruchte viel Mühe, da ich anfangs kein einziges Wort konnte. Im Unterricht wurde ich für einen Fehler hart bestraft und man hat mich an den Haaren gepackt und mich gegen die Tafel geschlagen. Der Lehrer schrie: „Schwabi!“ Das bedeutet Deutscher auf Slowenisch. Die Schulpflicht dauerte damals sieben Jahre. Als ich mit dreizehn die Schule beendet hatte, machte ich eine Lehre als Handelskauffrau. Ich fühlte mich nie wohl in meinem Heimatort, da er von nun an zu Slowenien gehörte und ich mich nicht damit anfreunden konnte. Somit erhielt ich im Alter von achtzehn Jahren mein Visum. Damit durfte ich nach Graz reisen. Am 06/01/1954 habe ich Graz betreten. Kurze Zeit darauf heiratete ich Franz Steyer, einen ebenfalls heimatvertriebenen Jugendfreund. Sieben Jahre lang durfte ich nicht nach Slowenien einreisen.“ Wie hast du das Jahr 1955 erlebt, als der Staatsvertrag unterzeichnet wurde? „Auf jeden Fall mit großer Freude und ich war emotional gerührt. Endlich ein „freies Österreich“, und dadurch hatte ich Hoffnung meine Eltern wieder einmal zu sehen. Kurz darauf kamen sie mich in Graz besuchen. Immer wenn ich meine Schwester besuche und nach Slowenien fahre, habe ich ein mulmiges Gefühl und all meine Erinnerungen tauchen auf. Meine Heimat ist und bleibt Österreich.“

Dieses Projekt habe ich wirklich interessant gefunden und es hat mich sehr berührt. Man kann sich gar nicht vorstellen, was die Leute miterleben mussten. Ich bedanke mich bei Anna Steyer, meiner Oma, die mir für meine Fragen zur Verfügung gestanden ist.


Englische Version Berto

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Kulturvermittlung Steiermark
© Teilnehmer des Projektes Allied Schools Graz zuletzt bearbeitet am: 7. November 2005